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Biography imagofeminae autumn 2025 XLVI



Petra Kelly
Petra Kelly (1947–1992) war Mitbegründerin der deutschen Partei Die Grünen und Mitglied des Deutschen Bundestages von 1983 bis 1990. Sie studierte Politikwissenschaft in Washington, D.C., und engagierte sich früh in der Friedens-, Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung. 1982 erhielt sie den Right Livelihood Award. Petra Kelly und ihr Lebensgefährte Gert Bastian wurden 1992 tot in ihrem Haus in Bonn aufgefunden.

image: Marina Friedt (Deutsche Journalistin) imagofeminae autumn 2025 XLVI. foto: Paiman Davarifard
Published: October 19, 2025 Berlin
Words: Paiman Davarifard
Petra Kelly –
Die Aktivistin mit grenzenlosem Engagement
Ein Gespräch mit Marina Friedt (Deutsche Journalistin)
imagofeminae: Petra Kelly war für viele eine einzigartige Aktivistin. Wie haben Sie sie persönlich erlebt?
Marina Friedt: Petra Kelly war für mich eine einzigartige Aktivistin, die mich seit meiner frühen Jugend bewegt hat. Ich war als Jugendliche auf den ersten Demos gegen Atomkraft (Mülheim-Kärlich) und gegen die Stationierung von Pershing-2-Raketen. Und sie hat mich von Anfang an einfach eingenommen und begeistert.
imagofeminae: Hatten Sie die Möglichkeit, sie persönlich zu treffen?
MF: Später habe ich sie kurz im Bundestag in Bonn im Aufzug mit Gert Bastian erlebt. Damals habe ich kurz nach meinem Agrarstudium als studentische Hilfskraft für die Grünen im Bundestag gejobbt, wie man das damals so gemacht hat. Ich fand es sehr berührend, wie empathisch und engagiert sie hier mit Gert Bastian gesprochen hat. Das war mein erster und einziger naher Kontakt mit ihr.
imagofeminae: Wann war das genau?
MF: Das war 1990, als die Grünen mit Bündnis 90 gerade bei der Bundestagswahl durchgefallen waren und ihre Büros räumen mussten.
imagofeminae: Wie haben Sie auf die Nachricht von ihrem Tod reagiert?
MF:1992, neu in Hamburg, gratulierte ich dem Chefredakteur der Hamburger Rundschau, Jo Müller, bei einer Betriebsfeier zu der aus meiner Sicht einzig richtigen Titelzeile zu ihrem Tod: „Mord in Bonn“. Alle anderen Qualitätsmedien, wie der Stern und der Spiegel, hatten vom Doppelselbstmord geschrieben, was sich leider bis heute im kollektiven Bewusstsein hält.
imagofeminae: Hatten Sie danach Kontakt zu Jo Müller wegen eines Buchprojekts?
MF:Jo saß auch mal mit Petra Kelly für die Grünen im Bundestag und fragte mich, ob ich als ehemalige Bonnerin nicht Lust hätte, für ein Buchprojekt zu dem Thema zu recherchieren. Das war der Beginn der Recherche.
imagofeminae: Was hat Sie besonders beeindruckt an ihrem Engagement?
MF: Als ich mich mit ihrem umfangreichen, fast grenzenlosen Einsatz beschäftigte, entwickelte ich eine große Bewunderung dafür, wie sie das damals umgesetzt hat. Man muss sich die Zeiten vorstellen. Unsere jungen Leute heute können das gar nicht mehr nachvollziehen. Sie war ausgestattet mit Faxgerät und Telefon und nutzte natürlich die Post. In der Hochphase ihrer Bekanntheit 1983 bekam sie Hunderte von Briefen aus der ganzen Welt mit der Bitte um Unterstützung – waschkörbeweise Tag für Tag.
imagofeminae: Wie ist sie mit diesen Anforderungen umgegangen?
MF: Sie hat sich immer verantwortlich gefühlt, sich um all diese Probleme der Menschen zu sorgen, ob in Südamerika, Nordamerika, China, Russland oder anderswo. Sie kümmerte sich um die Belange von indigenen Völkern, organisierte die erste Tibetanhörung – egal welches Thema, immer fühlte sie sich verpflichtet zu reagieren und zu agieren. Ich glaube, das war ein Übermaß an Forderungen, die sie an sich selbst stellte, aber es war auch ihr Wesen, diese zu erfüllen.
imagofeminae: War der Bundestag für sie der richtige Ort, um das zu tun?
MF: Ja. Sie fühlte, dass der Bundestag die richtige Stelle war, um verantwortlich das zu tun. Ihre gesammelten Aktenordner füllen heute das Petra Kelly Archiv in Berlin.
imagofeminae: Wie würden Sie ihr Leben beschreiben?
MF: Um ehrlich zu sein, würde ich ihr Leben nicht als radikal bezeichnen, sondern als aktiv. Wenn man den aktuellen Film „Petra Kelly – Act now!“ anschaut, bekommt man auch viele persönliche Einblicke – erstmals stellte ihr Stiefbruder John Videoaufnahmen aus der Familie zur Verfügung, wo man auch einen Eindruck von ihrer lustigen Seite bekommt.
imagofeminae: Wie würden Sie Petra Kelly als Persönlichkeit beschreiben?
MF: Sie war einfach eine sehr engagierte Frau, eine Europäerin, deutsch-amerikanisch durch die Ehe ihrer Mutter und die Adoption ihres Stiefvaters. Deshalb hieß sie Kelly und nicht Lehmann, wie sie früher hieß. Sie war eine sehr engagierte Frau, viele Menschen haben das damals nicht gesehen. Sie fühlten sich von ihrem Tempo, ihrer Kreativität und der Intensität ihres Engagements überfordert, darunter auch viele ihrer Mitarbeiter, weil sie einfach viel von den Menschen verlangte.

image: Petra Kelly 1987 im Bundestag. imagofeminae XLVI. autumn 2025.- BIOGRAPHY. im Gespräch mit Marina Friedt.
imagofeminae: Was waren ihre Hauptthemen?
MF: Sie brachte viel Leidenschaft für ihre Themen mit. Die Atomkraft war ja nicht ihr einziges Thema, es ging ihr nicht nur um Menschenrechte, nicht nur um Kinderkrebs, es ging immer um die Rettung der gesamten Welt. Sie war in vielen Themen schon aktiv, die erst später von anderen Institutionen aufgegriffen wurden.
imagofeminae: Wie hat sie organisiert gearbeitet?
MF: Sie arbeitete meistens nachts, auch weil sie mit vielen internationalen Organisationen „abroad“ wegen der Zeitverschiebung in Kontakt stand. Ihre Mitarbeiterinnen erfuhren dann meistens morgens, was jeweils zu tun war – häufig notiert auf Zettelchen auf Unterlagenstapeln. Schnell und enthusiastisch agieren, das fanden die langsamen behördliche Abläufe gewohnten Mitarbeiterinnen wohl befremdlich.
imagofeminae: Wie kam es zu ihrem Tod?
MF: Gert Bastian war Frühaufsteher und wurde im März 1992 69 Jahre alt. Er hatte an seinem Geburtstag einen Unfall, weil er am Münchner Hauptbahnhof Obst für Petra besorgen wollte. Dann, an Krücken und durch die Auseinandersetzungen am Krankenbett zwischen Petra und seiner Frau Charlotte, war er vermutlich einfach nicht mehr in der Lage oder willens, sie weiter zu begleiten. Sein Sohn Till schreibt von einer zerebralen Lähmung, die der Auslöser war, mitten im Wort „Wir müs…“ abzubrechen, die handliche zweiläufige Deringer zu nehmen und erst Petra Kelly im Schlaf mit einem aufgesetzten Schuss das Leben zu nehmen und sich dann im Flur mit einem Offiziersschuss zu erschießen. Petra Kelly wurde 44 Jahre alt.
imagofeminae: Hatten sie weitere Pläne?
MF: Sie hatte Pläne, ins Europaparlament zu wechseln. Am 4. Dezember war der einzige freie Termin, bei dem Petra Kelly mit den Grünen die Stasi-Verwicklungen der Grünen anschauen wollte. So war es geplant. Warum Gert Bastian dann nach der offiziellen Version den Entschluss fasste, sie am 1. Oktober (Geburtstag ihrer Omi Birle und ihrer „großen Schwester“ Karin Gerlach) im Schlaf zu erschießen, bleibt unbeantwortet. Das Geschenk für Karin Gerlach, ein Gästebuch, stand schon im Flur bereit. Hat es doch etwas mit den Stasi-Ermittlungen zu tun?
imagofeminae: Wie haben Sie sich der Recherche genähert?
MF: Ich habe vorwiegend mit der Familie und den Freundinnen und Wegbegleiter*innen von Petra Kelly
gesprochen und habe immer versucht, mein Tun und meine Artikel auf das Leben und Engagement von Petra Kelly zu richten, nicht auf ihren Tod. Ich bin keine investigative Journalistin, sondern eine normale Autorin und Journalistin, die mit Menschen spricht und daraus Geschichten macht.
imagofeminae: Gab es viele Spekulationen über ihr Privatleben?
MF: Es gibt natürlich viele Akteure, zum Beispiel ehemalige Lebenspartner oder Liebhaber. Sie hatte immer Beziehungen zu Menschen, mit denen sie persönlich gearbeitet hat, nicht nur zu alten Männern, sondern auch zu jungen. All diese Geschichten vom angeblichen Aufstieg durch Beziehungen zu mächtigen Männern – wie von Alice Schwarzer aufgeführt – sind böse Unterstellungen. Es gab diverse Mutmaßungen, warum sie getötet wurde. Je nachdem, in welcher Beziehung die befragte Person zu Petra Kelly stand, fällt die Interpretation aus.
imagofeminae:Worauf haben Sie sich bei Ihrer Arbeit konzentriert?
MF: Ich habe versucht, mich auf ihr Leben und Engagement zu konzentrieren. Deshalb bin ich nach dreißig Jahren Recherche zu Petra Kelly dankbar für den Film „Act Now“, der genau das macht: den Fokus auf die Aktivistin Petra Kelly zu richten.
imagofeminae:Welche Biografien haben Ihnen bei Ihrer Recherche geholfen?
MF: Ich bin Saskia Richter für ihr Mammutwerk „Die Aktivistin“ dankbar, wie auch der ersten Biographin, Monika Sperr „Politikerin auf Betroffenheit“. Beide sind inzwischen verstorben, die eine durch Krankheit, Monika Sperr durch Suizid.
imagofeminae: Gibt es noch offene Fragen?
MF: Es gibt viele offene Fragen, zu denen noch mehr herausgefunden werden könnte, wenn Interesse bestünde. Inzwischen gibt es leider weder von der Gesellschaft noch von den Grünen großes Interesse daran, Petra Kelly noch einmal zu würdigen.
imagofeminae: Wie bewerten Sie die Ermittlungen zu ihrem Tod?
MF: Die Ermittlungen der Mordkommission in Bonn waren schnell und oberflächlich. Am Tag nach der Entdeckung der Tat gab es schon eine Pressekonferenz, auf der gesagt wurde: „Er war es“. Andere Indizien, wie die offene Balkontür, wurden nicht hinreichend untersucht.
imagofeminae: Wie wirkt ihr Tod auf Sie persönlich?
MF: Der Tod Petra Kellys lässt mich immer noch betroffen zurück, weil sie nur 44 Jahre alt wurde. Als ich in den Journalismus gestartet bin und die Recherche über Petra Kelly begonnen habe, hat mich beeindruckt, mit welcher Schnelligkeit und Aktivität sie Politik („Letter-Power“) betrieben hat, und so engagiert habe ich auch versucht, meine Arbeit umzusetzen. Aber sie war nicht nur Politikerin, sie war Aktivistin. Heutzutage gibt es kaum noch Politikerinnen, die so aktiv sind.
imagofeminae: Was halten Sie von der Darstellung in Alice Schwarzers Buch?
MF: Alice Schwarzers Buch „Eine tödliche Liebe“ war für mich nicht überzeugend, besonders wegen vieler Fehler – angefangen mit dem falschen Alter der Politikerin. Mein Buchmanuskript wurde damals nicht veröffentlicht, weil Schwarzer prominenter und schneller war, aber ich konnte ein paar Beiträge umsetzen. Denn Petra Kelly verdiente mehr als die Darstellung dieser angeblichen Vorbild-Feministin Schwarzer.
imagofeminae: Wie beurteilen Sie den Film „Act Now“?
MF: Deshalb begeistert mich der Film „Act Now“ von Doris Metz so sehr. Ich war sehr dankbar, mich für den Film noch mal durch 600 Postkarten und Briefe von 1967 bis zum Tod an ihre „große Schwester“, ihre Freundin Karin Gerlach, arbeiten zu dürfen. Für den Film wurden drei grafisch in Szene gesetzt und von der Schauspielerin Nina Kunzendorf gelesen. Ich habe den Film vielen jungen Frauen empfohlen, viele sagten hinterher, sie hätten geweint. Es ist beeindruckend, wie diese Frau sich für ihre Sache eingesetzt hat.
imagofeminae: Welche Wirkung hat Petra Kelly auf die neue Generation?
MF: Ich freue mich, dass die neue Generation, die „Fridays for Future“ oder andere, erkannt haben, was für eine leidenschaftliche Ausnahmepolitikerin sie war. Der für mich erste Film, der dem Leben und der Arbeit von Petra Kelly gerecht wurde, erhielt den Deutschen Filmpreis.
MARINA FRIEDT
Marina Friedt ist Journalistin und Autorin. Nach einem Agrarstudium arbeitete sie Anfang der 1990er-Jahre kurzzeitig für die Grünen im Deutschen Bundestag, bevor sie in den Journalismus wechselte. Sie war viele Jahre Redakteurin bei der Hamburger Rundschau und berichtete über politische und gesellschaftliche Themen mit Schwerpunkt Umweltbewegung und Zeitgeschichte. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Leben und Wirken von Petra Kelly. Ihre frühen Recherchen nach Kellys Tod im Jahr 1992 gelten als eine der ersten kritischen journalistischen Auseinandersetzungen mit der offiziellen Darstellung des Falles. Marina Friedt lebt und arbeitet in Hamburg.

IMPRESSUM
imagofemiane BIOGRAPHY MARINA FRIEDT IM GESPRÄCH ÜBER PETRA KELLY Editors: Dipl.-Psych. Paiman Davarifard, Alicja Wawryniuk, Selma Vasilisa - imagofeminae autumn 2025 XLVI ISSN 2195-2000 German National Library. JAHRGANG 13, Nr. 46 - Copyright Berlin ALL RIGHTS RESERVED.
